Leinen hält nach und nach Einzug in alle Bereiche der „nachhaltigen“ Mode. Kaum eine gewissenhafte Modemarke kommt heute ohne eine wachsende Auswahl an Leinenprodukten aus. Diese Naturfaser gilt als Alternative zu synthetischen Fasern: umweltfreundlich, biologisch abbaubar und strapazierfähig. Dennoch zögern viele Konsumenten beim Kauf eines Kleidungsstücks mit Leinenanteil – von reinen Leinenstücken ganz zu schweigen.
Ist Leinen also das Opfer seines Rufs?

Leinen wurde lange Zeit mit sommerlicher Urlaubskleidung assoziiert – jenen klassischen Anzug-Kombinationen für sonnige Tage. Seine temperaturregulierenden Eigenschaften werden seit Jahrhunderten geschätzt und machen es zum idealen Stoff bei Hitze, aber auch bei kühleren Temperaturen und wechselhaftem Wetter. Bereits im alten Ägypten wurden Mumien in Leinen gewickelt, wodurch sie über Jahrtausende hinweg erhalten blieben. Während Leinen bis ins 20. Jahrhundert hinein weit verbreitet war, geriet es in den letzten Jahrzehnten durch das Aufkommen synthetischer Fasern etwas in den Hintergrund. Es galt als zu knitteranfällig, altmodisch und unpraktisch. Seit einigen Jahren erlebt Leinen jedoch eine Renaissance. Modeschöpfer wie Simon Porte-Jacquemus machten es zum Kern ihrer Kollektionen und zeigten, dass die temperaturregulierenden Vorzüge von Leinen auch in der kälteren Jahreszeit überzeugen. Immer mehr verantwortungsbewusste Marken greifen daher wieder auf Leinen zurück. Die Naturfaser wird wegen ihrer Strapazierfähigkeit geschätzt und häufig mit anderen Fasern wie Baumwolle kombiniert. Zudem erfreuen sich ungefärbte Modelle in 100 % Leinen wachsender Beliebtheit, die die natürliche Farbgebung der Faser hervorheben.
Leinen feiert also sein Comeback – und das aus gutem Grund. Die Naturfaser bietet zahlreiche Vorteile: Ihr Anbau, bei dem Frankreich und Belgien führend sind, erfordert keine künstliche Bewässerung, sondern kommt mit natürlichem Regenwasser aus. Die Faser ist vollständig biologisch abbaubar und lässt sich mit natürlichen Farbstoffen färben, was die Entstehung von Mikroplastik vermeidet. Zudem tut der Leinenanbau den Böden gut, die Felder dienen als Kohlenstoffsenken, und jeder Bestandteil der Pflanze wird verwertet – von technischen Dämmstoffen bis hin zu Heimtextilien. Leinen ist extrem langlebig und zählt zu den edelsten Naturmaterialien. Nicht ohne Grund sind viele bestickte viktorianische Leinentextilien aus dem 19. Jahrhundert bis heute in einwandfreiem Zustand erhalten.

Leinen ist daher eine hervorragende Faser, die die Zukunft der Textilindustrie maßgeblich prägen wird. Seine Robustheit und die minimalen Auswirkungen auf die Umwelt machen es zu einem echten Verbündeten der Branche. Die aktuelle Begeisterung für Leinen – sei es wegen seiner authentischen Ästhetik oder seiner Langlebigkeit – eröffnet den Weg für eine zukunftsorientierte, anspruchsvollere und nachhaltigere Textilwirtschaft. Und als kleine Randnotiz: Leinen knittert zwar leicht, lässt sich aber genauso einfach bügeln. Vermutlich war Leinen eher den zyklischen Launen der Mode unterworfen als seinem vermeintlich schlechten Ruf...