Ganz am Ende jenes Teils von Marseille, den man die Corniche nennt, mit Blick auf die Frioul-Inseln am Horizont, ragt dieser Vorsprung ins Meer, auf dem zwei außergewöhnliche Schwimmbecken errichtet und geflutet wurden. Das ist der Cercle des Nageurs, eine traditionsreiche Institution der Stadt und Wiege von Champions. Der Cheftrainer des « CNM », wie man ihn nennt, ist der ehemalige Olympiaschwimmer Romain Barnier, der an den Spielen 2000 in Sydney und vier Jahre später in Athen teilnahm – und darüber hinaus zehnfacher französischer Meister im Freistil war. Diese Marseiller Persönlichkeit, die so gar nichts mit dem klischeehaften Bild des gestriegelten Trainers am Beckenrand gemein hat, empfängt uns im lichtdurchfluteten großen Saal ganz oben im Cercle. Und kurz vor Beginn des Gesprächs erinnert er noch einen Mitarbeiter daran, dass die Wassertemperatur im Innenbecken künftig auf 27,5 Grad eingestellt sein soll und nicht auf 25,5.
Fällt es einem Schwimmer leicht, sich in Badehose vor dem Publikum eines Schwimmbads zu präsentieren, oder gibt es dabei eine gewisse Scham?
Man muss ehrlich sein: Es ist extrem unkompliziert. Eine Badehose reicht vollkommen aus, um einen Mann anzuziehen, finde ich. Trotzdem gibt es einen gewaltigen Unterschied zwischen jemandem, der nackt ist, und jemandem, der eine Badehose trägt. Sicherlich ist eine Badehose eine Form der Entblößung, aber der Schwimmer leidet nicht darunter. Er trainiert seinen Körper gezielt darauf hin, in Badehose so gut wie möglich auszusehen.
Heute treten viele Schwimmer bei Wettkämpfen in Ganzkörperanzügen an. Was zeichnet diese Anzüge aus?
Der Wettkampfanzug wird mit Spitzentechnologie entwickelt. Er wird gewebt, nachgewebt und anschließend mit Teflon beschichtet. Im Gegensatz zu normaler Kleidung zieht man ihn nicht einfach über. Man arbeitet ihn Zentimeter für Zentimeter am Körper hoch. Das ist meist ein harter Kampf von einer guten Viertelstunde. Ich glaube, das Tragen eines solchen Schwimmanzugs ist das intensivste Gefühl, das man mit einem Kleidungsstück haben kann. Es ist wie eine Rüstung, der Körper ist mit einer anderen Dimension verbunden. Man wird zu einem anderen Menschen. Eine extreme Veränderung.

Wie hat sich deine Beziehung zur Mode verändert?
Als ehemaliger Leistungsschwimmer habe ich einen großen Teil meines Lebens im Trainingsanzug verbracht. Damals zählte vor allem der Komfort. Ich trug Kleidung, die man schnell an- und ausziehen kann. Mit der Zeit und nach dem Karriereende habe ich begonnen, mich für Mode zu interessieren. Ich wollte Stil haben, Persönlichkeit durch meine Kleidung ausdrücken. Heute gehe ich gerne durch die Straßen, besonders in Paris, und lasse mich von dem inspirieren, was ich um mich herum sehe, von den Menschen, die mir begegnen, um meinen Look zu entwickeln. Auch wenn Mode keine Priorität ist, bleibt sie mir wichtig. Für mich zeigt meine Kleidung der Welt, wer ich bin. Und ich verändere mich. Es gab eine Phase, da trug ich ausschließlich sehr schmale Hosen – wohlgemerkt, ich war kein Schwimmer mehr, meine Oberschenkel passten also hinein! Heute bin ich eher sehr Casual unterwegs. Ich trage Karottenhosen, etwas weiter geschnitten. Darin fühle ich mich wohl. Im Winter mag ich Wollhosen, im Sommer Chinos, dazu ein Hemd und eine Jacke. Das erinnert an einen Anzug, ist aber nicht ganz dasselbe. In einem Anzug fühle ich mich nicht wohl. Meine einzigen modischen Extravaganzen sind sehr lange Mäntel. Außerdem mag ich bunte Socken oder ein Paar rote Lackschuhe. Etwas mit Mustern oder Prints würde ich hingegen niemals tragen.
Letzten Endes ziehe ich ein sogenanntes "Trainer-Outfit" nur bei offiziellen Wettkämpfen an, wenn ein einheitliches Erscheinungsbild verlangt wird.
Welches Outfit wählst du, wenn du das Training der Schwimmer des Cercle leitest?
In diesen Momenten gehen die meisten Trainer pflichtbewusst in die Umkleide, um ihr Becken-Outfit anzuziehen: Poloshirt, Shorts, Badeschlappen und die Stoppuhr um den Hals. Das mag überraschen, aber bei mir ist das nicht so. Am Beckenrand trage ich nie Sportkleidung. Vor allem, weil ich keine Lust habe, mehrmals am Tag Zeit mit Umziehen in der Kabine zu verschwenden. Ich bleibe gerne vom Morgen bis zum Abend derselbe. Außerdem brauche ich ein solches Outfit nicht, um mich bei meinen Schwimmern durchzusetzen. Meistens trage ich Jeans, und das schafft keineswegs Distanz zu ihnen. Ich glaube, die Athleten schätzen es sogar, einen Trainer mit Stil zu haben.
Am Beckenrand kremple ich einfach meine Jeans hoch, damit sie kein Chlorwasser abbekommt, trage Badeschlappen oder ziehe Schutzüberzieher über meine Schuhe, wie in Chemiewerken. Letzten Endes ziehe ich ein sogenanntes "Trainer-Outfit" nur bei offiziellen Wettkämpfen an, wenn ein einheitliches Erscheinungsbild verlangt wird.

Was sind deine Lieblingsmaterialien?
Für mich müssen Kleidungsstücke vor allem unkompliziert zu tragen sein. Ich liebe Wolle, weil sie nicht knittert. In meinem Schrank hängt zum Beispiel dieses Flanellhemd, das nach dem Waschen nie gebügelt werden muss. Das finde ich genial. Umgekehrt ist Leinen zwar ein wunderschönes Material, aber nicht mein Favorit, weil das Hemd beim Tragen seine Form verliert. Mein Traum wäre ein Hemd mit dem Tragekomfort von Leinen und der Unverwüstlichkeit eines Schwimmanzugs. Leinen und Baumwolle vielleicht?