In der lebhaften Runde derer, die den heutigen Fußball im TV-Studio und am Mikrofon begleiten, nimmt Daniel Riolo eine Sonderstellung ein. Mit seinen weißen Hemden und perfekt geschnittenen Anzugjacken ist er zweifellos der Eleganteste von allen. Vor allem aber nimmt er kein Blatt vor den Mund und trifft den Punkt wie kaum ein anderer. Als aufmerksamer Beobachter und pointierter Chronist auf RMC sowie unerbittlicher Kritiker von Trägheit und unansehnlichem Spiel verfolgt Daniel Riolo derzeit die Europameisterschaft, die auf dem gesamten Kontinent ausgetragen wird. Während Frankreich als Topfavorit des Turniers gilt, spricht der Journalist mit Hast über die Ästhetik des Spiels.
Was macht die Eleganz des Fußballs aus?
Zunächst liegt es am Trikot, das man auf dem Feld trägt. Ein Trikot voller Sponsorenlogos und mit schlechtem Design ist unweigerlich unansehnlich. Dagegen gibt es wunderschöne Trikots, Vintage-Stücke mit minimalistischer Werbung, die wie eine schöne Erinnerung wirken – ganz gleich, ob eine Prise Kuriosität mitschwingt. Das Trikot von Maradonas Neapel in den 80er-Jahren zierte ein „Mars“- oder „Buitoni“-Schriftzug, was nicht gerade der Gipfel des Chics ist; auf dem Juventus-Trikot von Platini prangte „Ariston“, ein Heizkesselhersteller. Doch das spielte keine Rolle: Die typografische Gestaltung dieser Trikots verlieh ihnen ein ungemein stilvolles Design. Eigentlich verhält es sich wie bei Nummernschildern. Die französischen wirken uninspiriert, während die britischen, wer weiß warum, eine edlere Typografie besitzen. Ich hege auch seit jeher eine Zuneigung zum Trikot des großen Saint-Étienne der späten 70er-Jahre. Es ist ein schlichtes Trikot, dessen grüner Farbton eine bemerkenswerte Kraft ausstrahlt – obwohl ich Grün für gewöhnlich gar nicht mag. Offen gestanden finde ich, dass italienische Trikots immer schon die schönsten waren, und das sage ich nicht nur, weil meine Eltern aus Italien stammen. Nein, es gibt keine Trikots, die so vollendet sind wie jene der italienischen Klubs der 80er-Jahre. Weil sie Streifen haben, weil diese Streifen auf ganz besondere Weise gezeichnet sind und weil der Schnitt stets eine originelle Note besitzt.
Wo wir gerade von italienischen Trikots sprechen: Erinnern Sie sich noch an dasjenige, das die Squadra Azzurra bei der Euro 2000 trug?
Ein Bild ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: Die Italiener, ganz in Weiß gekleidet mit diesem eng anliegenden Trikot, fast wie ein Unterhemd, die bei den Nationalhymnen des Euro-Finales gegen Frankreich über den Bildschirm defilierten. Das war außergewöhnlich. In dieser Mannschaft standen nur gutaussehende Männer: Francesco Totti, Fabio Cannavaro, Stefano Fiore, Alessandro Nesta… Doch in diesen weißen Trikots sahen sie noch besser aus. Es glich einer Modenschau. Zur selben Zeit trug in Frankreich der Club AJ Auxerre die gleiche Art von Outfit, bereitgestellt vom selben Ausrüster, dem italienischen Hersteller Kappa. Normalerweise verbindet man Auxerre nicht unbedingt mit einer Idee von Eleganz, aber auch dort passierte etwas. Dank dieses unverwechselbaren Trikots wirkten die Spieler weitaus stattlicher, als sie es eigentlich waren. Auf dem Rasen bewies Auxerre echte Klasse, großen Stil. Kein Wunder, dass die Spieler sagten: „Seit wir dieses Trikot tragen, fühlen wir uns stärker.“

Was berührt Sie bei einem Fußballer, abgesehen vom Trikot?
Ich war schon immer sowohl ein Fan von Spielern, die eine Augenweide sind, als auch von solchen ganz ohne Allüren. Worauf es mir ankommt, ist nicht das Spiegelbild einer Silhouette. Es geht um Charakter auf dem Platz. Es ist eine Frage von Aura und Charisma. In den 80er-Jahren war der französische Nationalspieler Luis Fernandez mit seinen über die Schuhe gerollten Stutzen nun wirklich nicht elegant, aber er besaß eine wahrhafte Anmut. Weil er authentisch war. Er war ein Typ von der Straße, der kreuz und quer rannte, pausenlos grätschte und die Schiedsrichter anschrie. Das hatte etwas herrlich Volksnahes, das mir gefiel. Umgekehrt schätze ich einen ungemein stilsicheren Mann wie den Italiener Paolo Maldini mit dieser ganz eigenen Art, auf seine Haare zu achten, oder jenen anderen Italiener, Roberto Baggio, der stets eine wunderbare Melancholie mit sich über den Platz trug – wie ein tragischer Poet des Fußballs. Oder auch den Argentinier Fernando Redondo, der am Ball von vollendeter Eleganz war. Ich erinnere mich, wie Daniele Passarella, der argentinische Nationaltrainer, bei der Weltmeisterschaft 1998 auf Fernando Redondo verzichtete, nur weil dieser lange Haare hatte und sich weigerte, sie schneiden zu lassen. Es war so absurd, dass Passarella auf einen Spieler wie Redondo verzichtete. Was für eine Torheit. Passarella hatte wohl noch Reminiszenzen an die argentinische Diktatur im Kopf. Es war immerhin General Varela, der ihm den WM-Pokal überreichte, als er 1978 mit Argentinien Weltmeister wurde.
Sie haben das Spiel der französischen Nationalmannschaft unter Didier Deschamps stets kritisch gesehen. Was fehlt ihr in puncto Eleganz?
Seien wir ehrlich: Das ist kein eleganter Fußball. Bei den Bleus geht es nicht um Maßarbeit. Es ist ein Allerweltsfußball. Mehr noch: Der von Didier Deschamps propagierte Fußball gleicht dem Anzug eines Geschäftsmanns, dem man in Roissy vor dem Boarding begegnet. Der Typ wird danach lukrative Verträge unterschreiben. Es ist effizient. Das ist eng mit der Persönlichkeit von Didier Deschamps verknüpft. Er will, dass diese französische Nationalmannschaft genauso spielt: für den Sieg und sonst nichts. Solange es funktioniert, liebt man es. Wissen Sie, es gibt Mannschaften, die man selbst bei Niederlagen weiter ins Herz geschlossen hat, einfach weil sie schön anzusehen waren. Das gilt für die französische Auswahl von 1982, die bei der Weltmeisterschaft gegen Spanien verlor. Die Mannschaft von Deschamps wird man nicht mehr lieben, sobald sie nicht mehr gewinnt.
Wie beurteilen Sie die heutige Ausstrahlung des Fußballs?
Heute gibt es Spieler, bei denen man deutlich spürt, wie sehr sie auf ihre Inszenierung auf dem Platz und abseits davon achten. Alles, was der portugiesische Star Cristiano Ronaldo tut, ist kalkuliert. Er hat Schönheitsoperationen hinter sich, empfängt täglich den Friseur zu Hause und zieht bei jeder Gelegenheit das Trikot aus, um seinen Waschbrettbauch zu präsentieren. Beim Brasilianer Neymar von PSG verhält es sich ganz ähnlich. Das Problem ist nur: All das wirkt künstlich. Es ist durchinszeniert wie eine Reality-TV-Show und zeugt vor allem von schlechtem Geschmack – und das greift allmählich überall um sich, in jeder Mannschaft, auf jedem Spielfeld. Zudem lässt sich eine Art athletische Vereinheitlichung im Fußball beobachten. Die Spieler laufen unentwegt, ohne für eine feine Geste innezuhalten. Für Mannschaften, Spiele und Siege zählt nur noch die Laufleistung auf dem Platz und sonst nichts. Ein solcher Fußball lässt talentierten Spielern, die aus der Zeit gefallen wirken, keinen Raum mehr – wie dem Argentinier Juan Riquelme, dem man immer Langsamkeit nachsagte. Er war langsam, aber ein ästhetischer Genuss.

Es gibt eine Figur im Fußball, über die wir bei alledem noch gar nicht gesprochen haben. Und doch ist sie so entscheidend. Der Trainer…
Der wahre Stil im Fußball findet sich nicht auf dem Rasen, sondern am Spielfeldrand, auf der Trainerbank. Es sind die Trainer, die in Sachen Stil am meisten zu sagen haben. Lange Zeit erweckte Josep Guardiola, heute bei Manchester City, den Eindruck, als ginge er zu einem Empfang statt zu einem Spiel. Mit seinen Anzügen und Lederschuhen trat er ungemein mondän auf. Dasselbe gilt für den portugiesischen Trainer José Mourinho, zumindest in den 2000er-Jahren. Auf dem Bildschirm sah man, wie tadellos seine Kleidung war, wie perfekt sie saß und dass er auf jedes Detail achtete. In einer Ära, in der Spieler extrem auf ihr Auftreten bedacht sind, bin ich sicher, dass sie auch registrieren, was ihr Trainer verkörpert und wie er ihnen gegenübertritt. Ein Trainer mit Klasse macht den Unterschied. Mindestens ebenso sehr wie eine Trainingseinheit. Davon bin ich überzeugt. Mourinho hat dieses Element meisterhaft ausgespielt. Hat man einen Trainer mit Ausstrahlung, erfüllt einen das mit Stolz; man möchte für ihn spielen, sich auf dem Platz zerreißen und gemeinsam ein Abenteuer bestreiten. In einem kürzlichen Interview erklärte der französische Trainer Claude Puel, dass genau dieser Mangel an Format französischen Trainern lange Zeit im Weg stand, um sich bei europäischen Spitzenklubs zu empfehlen.

Wenn man Ihnen beim Reden über Fußball zuhört, spürt man eine gewisse Nostalgie. Woher rührt das?
Die Wahrheit ist: Alle Fußballbegeisterten tragen eine gewisse Nostalgie in sich, ganz gleich, wie alt sie sind. Es ist ein Gefühl, das uns allen innewohnt. Wir alle neigen dazu zu glauben, früher sei alles besser gewesen. Wir alle sind überzeugt, dass dem heutigen Fußball etwas fehlt – an Schönheit, an Verrücktheit… Fußball ist vor allem eine Frage von Jugenderinnerungen. Und diese Emotionen der Jugend sind naturgemäß die intensivsten.

Was begeistert Sie heute dennoch am Fußball?
Ich liebe es, wenn ab März die großen Partien der Champions League anstehen. Die Spannung ist greifbar, und das ist großartig. Bei aller Beschleunigung der Moderne, trotz Videobeweis und allem Drumherum, bewahrt der Fußball eine dramaturgische Tiefe, die mich ungemein fasziniert. Im Fußball markiert der Frühling mit den Hin- und Rückspielen im Europapokal einen Höhepunkt. Jedes Jahr ertappe ich mich dabei, wie ich genau wie als Kind mitfiebere. Dasselbe gilt für die K.-o.-Spiele einer Europameisterschaft nach der Gruppenphase. Diese Momente purer Spannung, diese Wendungen darf man uns nicht nehmen. Das macht die Schönheit des Fußballs aus!