Unter den unzähligen Begriffen des New Yorker Slangs gibt es einen, bei dessen Aussprache die Zunge schnalzt und sich der Mund wie zu einer großen Kaugummiblase formt: „Schmuck“. Ein Begriff aus dem Jiddischen der frühen jüdischen Einwanderer der Lower East Side, den man nutzt, um jene zu bezeichnen, die es schlicht übertreiben.
Ein Schmuck ist ein Tölpel. Howard Ratner ist ein Schmuck. Die Hauptfigur des gefeierten Films der Safdie-Brüder, Uncut Gems, ist ein Paradebeispiel dafür. Großartig und pointiert gespielt von Adam Sandler, ist Howard Ratner ein Juwelier mit dem Mundwerk einer Comicfigur, triefend vor unangebrachtem Stolz, der durch die Straßen Manhattans streift und ein ganzes Chaos hinter sich herzieht.
Alles ist so grotesk, so schrill, dass es auf der Leinwand schließlich eine gewisse Lässigkeit verströmt
Vor allem aber ist dies ein Typ mit einem umwerfenden Look, irgendwo zwischen Möchtegern-Mafioso und Profi-Bowler. Howard Ratner liebt Kleidung, die extrem teuer ist und unter jedem Neonlicht und jedem Himmel glitzert. Glamour um jeden Preis. Obenherum: Howard Ratner liebt gestreifte Poloshirts, deren Ärmel seine Bizepse betonen, Seidenhemden in lachsfarbenem Rosa und zweireihige Anzüge wie von Großvater. Untenherum: Seine Hosen, meist von einem Gürtel mit großer goldener Schnalle auf Nabelhöhe gehalten, haben Bundfalten, als kämen sie gerade frisch aus der Reinigung, und fallen in unschönen Falten auf italienische Loafer, die sich eigentümlich nach oben biegen und ebenfalls mit einer auffälligen Schnalle verziert sind.

In den Momenten, in denen die Spannung spürbar steigt, trägt Howard Ratner auch gerne einen sonntäglichen Synthetik-Trainingsanzug und klobige Sneaker. So gibt er sich als harter Kerl. Und all das wird stets von derselben Reihe an Accessoires begleitet, die den Mann endgültig zum größten aller Schmucks machen: eine zentnerschwere Panzerkette, eine Tausend-Karat-Uhr einer Genfer Marke mit einem auffälligen roten Zifferblatt sowie eine Sonnenbrille mit getönten Gläsern. Natürlich. "Diese Klamotten erzählen von Howard Ratners geschäftlicher Seite, aber auch von einer dunklen, rohen Seite", erklärt Regisseur Benny Safdie in der US-Ausgabe des Magazins GQ (…) Das will heißen: "Wenn Sie sich mit mir anlegen, werden Sie Ihr blaues Wunder erleben." "Wenn Sie an einen Typen denken, der modisch nicht ganz auf der Höhe ist und so etwas gerne im Club trägt – das ist er", ergänzt die Kostümbildnerin Miyako Bellizi im Magazin The Cut.
Schmuck, aber stilvoll.
Um diesen Look zu kreieren, der mehr oder weniger dem aller zwielichtigen Gestalten des Diamond District entspricht, durchstreifte die Produktion die feuchten, düsteren Straßen dieses Teils von New York unweit des Trubels am Times Square. Stundenlang beobachteten sie jene Gesichter, die auf den Stufen der Juweliere herumlungern und auf das nächste Geschäft warten – die Kippe im Mundwinkel, den lauwarmen Kaffee in der Hand. "In der 47th Street sind sie vor zwanzig Jahren stehen geblieben, sie sind in der Zeit eingefroren", erzählt Josh Safdie.

Während die meisten Teile aus Howard Ratners Garderobe von bekannten Marken stammen, wurden einige von ihnen minutiös recherchiert. So stöberten die Kostümbildner der Produktion einen alten Blazer auf Ebay auf sowie ein Anzugsakko auf der treffend benannten Website doublebreastedsuits.com. Preis des guten Stücks: 19,99 Dollar. Schauspieler Adam Sandler hingegen kleidete sich nach eigenen Angaben mit Vergnügen wie ein Schmuck. Das Einzige, worauf er sich nicht einlassen wollte, waren zu enge Jeans. Ausgeschlossen, dass er sich vor der Kamera an den Oberschenkeln eingeengt fühlte.
Und um ehrlich zu sein: Indem er Szene für Szene völlig unpassend gekleidet ist, wird die Figur des Howard Ratner geradezu elegant. Alles ist so grotesk, so schrill, dass es auf der Leinwand schließlich eine gewisse Lässigkeit verströmt. Da ist etwas, ein Gespür für Schick oder beinahe. Schmuck, aber stilvoll.
Kein Wunder also, dass man heute bei Kostümpartys gerne in seine Rolle schlüpft. Ebenso wenig verwundert es, dass renommierte Moderedaktionen einzelne seiner Teile empfehlen.
Bei Hast gehen wir nicht ganz so weit. Ein wenig Seriosität muss schließlich sein.